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sanshi (Purpurberg)

Ueli Fuyûru Derendinger (Master of Shakuhachi)
Balthasar Streiff (Alphörner und Artverwandte)

Sowohl das Alphorn als auch die Shakuhachi sind Musikinstrumente von
extremer Eigenwilligkeit. Beides sind monophone Blasinstrumente, mehr oder weniger einfache Holzrohre aus dem jeweils naheliegendsten Material (Tannenholz bzw. Bambus). Obwohl die jeweils eigenen Völker ein gespaltenes Verhältnis zu ihnen haben, tragen sie das Etikett von „Nationalinstrumenten“ der Schweiz bzw. Japans. Ihrer archaischen Kraft und Emotionalität können sich letztlich eben die wenigsten entziehen.

Hintergründe und Kompositionen
Drei Täler, Moosruef, Wasserfall, Ins Tal hinab, Leerer Himmel, Windig Wätter, Herbstwind, Uf em First, Kyushu und Liebeggler sind abwechslungsweise Titel von klassischen Shakuhachi - und traditionellen Alphornstücken. Die Gegenüberstellung zeigt die Bedeutung der Landschaft in beiden Kulturkreisen und weist auf den häufigen Gebrauch der Instrumente unter freiem Himmel hin.

Eine genauere Betrachtung zeigt uns, wie gross die Gegensätze dieser alten Instrumente trotz ihrer Einfachheit sind. Das Alphorn gehört zu den Blechblasinstru¬menten und wird weitgehend von Amateuren gespielt. Es ist ausserordentlich statisch, hat im Normalgebrauch höchstens elf spielbare Töne, wirkt schwerfällig und ist Sinnbild für schweizerische Rechtschaffenheit und Bodenständigkeit. Die Shakuhachi dagegen ist eine Flöte und gilt als elitäres Instrument mit einer bewegten Vergangenheit. Sie ist extrem dynamisch und anpassungsfähig, ermöglicht dem Meisterspieler ein durchgehendes Glissando über zweieinhalb Oktaven und übertrifft nahezu alles an Agilität. Einzig in der Art ihrer Anwendung haben die zwei Instrumente einige Analogien: beide werden oft draussen gespielt, frei von durchgezählten Rhythmen und harmonikaler Begleitung. Auch repräsentieren sie in verblüffender Weise gewisse charakterliche Eigenheiten der sie in Anspruch nehmenden Völker.

Balthasar Streiff und Ueli Derendinger spielen inhaltlich präzise mit dieser kulturellen und historischen Vorgabe. Als Komponisten und Dirigenten ihrer Begegnung setzen sie lustvoll ihre ureigenen Geschichten hinzu: mal skurril, mal banal, mal tierisch, mal sensibel, mal radikal, mal normal. Dabei gleicht das Zusammenbringen dieser extrem unterschiedlichen Blasinstrumente einem kompositorischen Hochseilakt. Mit sparsam aber präzise eingesetzten Mitteln balancieren Streiff und Derendinger auf der Schnittstelle zweier Welten, verharren bald im Fernweh der Gegenwart, bald im Heimweh der Vergangenheit.Sanshi/Purpurberg lebt vom Wunsch zweier musikalischer Einzelgänger eine gemeinsame Sprache zu finden.

CD & Performance
Die Shakuhachi ist eng mit dem Zen verknüpft, wird heute aber genauso zur japanischen Kammermusik gezählt. Ganz im Gegensatz zum Alphorn in der europäischen Musiktradition hat sie einen Platz in der arrivierten japanischen Musikgemeinschaft erhalten und ist ein äusserst elitäres Instrument mit genauestens notierten Musikstücken von hoher Komplexität. In der Entwicklung zur CD sanshi/purpurberg wurde diese relative Enge durch freies Spiel aufgerissen, währenddem bei den Alphörnern die Grenzüberschreitung zu einer bis anhin unbekannten Kammermusikalität führt.

So entsteht eine, in ihrer Einfachheit komplexe Musik, die nur einer ganz feinen szenischen Choreographie bedarf und stark von der Handhabung der Instrumente lebt: Hier der konzentrierte Shakuhachi-Spieler, dessen, durch Mikrobewegungen erzeugter Klangreichtum ganz im Gegensatz zur formalen Schlichtheit des Instrumentes steht, auf der anderen Seite der Hornist, dessen Gesten an die wuchtigen, grösstenteils selbst konzipierten (Alp-)Hörner gebunden sind, die für sich schon eine visuelle Attraktivität darstellen.

Die Musik auf der CD sanshi/Purpurberg ist gleichermassen durch Improvisation und Konzeption entstanden. Sie hat sich auch während den zweieinhalb Jahren der Entwicklung in einer labilen Form verfestigt und belässt viele Freiräume. Die Kunst, diese Freiräume zu gestalten, wenn möglich unter Einbezug der örtlichen Begebenheiten von Akustik, Architektur, Publikum und Anlass ist ein anderer Bestandteil der Aufführungen von Streiff/Derendinger. So spielten sie z.B. im Oktober 01 während vier Tagen in den von Architekt Werner Zumthor gebauten Thermen Vals.